Liam Lawson ist nach zwei Rennen bei Red Bull Racing gescheitert. Er ist nicht der erste Fahrer, der am allmächtigen Teamkollegen Max Verstappen geradezu zerschellt ist. Woran liegt das?
Die Liste ist lang, und sie wird immer länger. Ausserdem ist sie eine durchaus illustre. Denn
Ab dem kommenden Rennen in Japan wird sich der Japaner an Verstappen versuchen. Daran, dem Druck standzuhalten und die Erwartungen zu erfüllen. Diese sind nicht einmal überfordernd, denn Teamchef Christian Horner und Motorsportberater Helmut Marko wollen gar nicht unbedingt, dass jemand Verstappen ernsthaft herausfordert. Vielmehr soll der Teamkollege zumindest ähnlich performen wie der Niederländer und dabei wertvolle Punkte für das Team und die Konstrukteurs-WM einfahren.
Lawson ist nicht der erste Fahrer, der daran gescheitert ist. Dabei heisst das Problem nicht Lawson, und es hiess auch nie Gasly, Albon oder Perez. Zumindest nicht nur. Vielmehr ist Verstappen das "Problem" bei Red Bull.
Auto ist auf Verstappen ausgerichtet
Denn bei Red Bull Racing tanzen im Grunde alle Ingenieure nach der Pfeife des viermaligen Weltmeisters. Er war in den vergangenen Jahren nicht nur der Dominator in der Königsklasse des Motorsports, sondern auch bei Red Bull. Soll heissen: Das Auto ist auf ihn, auf seine Wünsche, Fähigkeiten und auf seine Fahrweise ausgerichtet. Verstappen gibt die Richtung des Boliden vor, der Teamkollege muss sich anpassen. Er ist die klare Nummer eins, was in der Formel 1 nicht unüblich ist. Oft bringt eine klare Hierarchie auch einige Vorteile mit sich.
Die Krux: Verstappens Fahrstil ist sehr speziell. "Max liebt sehr präzise, sehr spitze Autos, mit einem sehr guten Verhalten der Vorderachse und er kann das Heck des Fahrzeugs sehr gut kontrollieren", sagt Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve bei "yaysweepstakes.com". "Nicht viele Fahrer sind in der Lage, das konstant so umzusetzen, und auch nicht viele Autos sind so gebaut, dass sie diesem Fahrstil gerecht werden."
Das führte dazu, dass Verstappen in den vergangenen Jahren immer mehrere Zehntelsekunden schneller war als Gasly, Albon und Perez. Gasly und Albon waren zu dem Zeitpunkt noch junge Piloten auf dem Sprung zum etablierten Stammfahrer. Dass sie es beide bei Alpine und Williams inzwischen sind, unterstreicht, wie kompliziert die Situation für den Teamkollegen von Verstappen ist. Perez ist der Beweis, dass selbst gestandene Piloten wie er in einem fordernden Umfeld und in einem herausfordernden Auto weit unter den eigenen Möglichkeiten bleiben können.
Es entsteht ein Schneeballeffekt
Wie unangenehm es tatsächlich werden kann, beschrieb Albon einmal im "High Performance Podcast". Albon verglich es damit, dass man die Empfindlichkeit eines Computerspiels auf die Spitze treibt und die Maus bewegt, "denn dann saust sie überall über den Bildschirm, und so fühlt sich das an. Es wird so scharf, dass man ein bisschen angespannt ist". Das Auto hat dadurch ein extrem kleines Fenster, in dem es funktioniert. Und mit zunehmender Dauer der Saison und der Weiterentwicklung der Autos entsteht ein "Schneeballeffekt", der den Druck auf den Fahrer neben Verstappen noch weiter erhöht.
Albon, der 2019 und 2020 anderthalb Jahre lang mit Verstappen zusammenarbeitete, lag in seiner Zeit bei Red Bull Racing zunächst nicht weit hinter Verstappen. Im Laufe der Saison aber "will Max, dass sein Auto schärfer und schärfer wird", sagte Albon: "Wenn es schärfer und schärfer wird, wird er schneller und schneller, und damit man aufholen kann, muss man anfangen, ein bisschen mehr Risiko einzugehen." Was dann auch mal in einem Dreher oder Abflug enden kann.
Und Verstappen zieht davon
Wodurch man als Fahrer dann aber Selbstvertrauen verliert. Man braucht ein bisschen mehr Zeit, der Rückstand wächst weiter an, "und wenn man das nächste Mal rausfährt, gibt es einen weiteren Dreher oder was auch immer - es fängt an, sich zuzuspitzen. Jedes Mal, wenn das Auto schärfer und schärfer wird, fängt man an, angespannter zu werden", sagte Albon, der sich in einer Spirale befand, aus der er nur schlecht wieder herauskam. In der Zwischenzeit zieht Verstappen im internen Duell immer weiter davon. Ein Teufelskreis.
"Es ist wie bei jeder anderen Sportart, wenn man nachdenken muss und jedes Mal, wenn man in eine Kurve fährt, nicht weiss, wie das Auto reagieren wird - dann hat man nicht mehr den Flow. Es geht nur noch um das Vertrauen in das Auto, den Flow. Und das funktioniert nicht, es funktioniert nie", betonte Albon.
Für Verstappen funktioniert es allerdings schon. Selbst dann, wenn das Auto nicht das Beste im Feld ist, wie aktuell der Fall. Verstappen selbst hatte sich sogar für Lawson eingesetzt, hatte gemeint, "dass das Auto auch für ihn sehr schwierig zu fahren ist", wie Marko bei Formel1.de verriet. Er habe Verstappen aber "erklärt, dass wir, um die WM zu gewinnen, zwei Autos in den Top 10 haben müssen".
Doch die Realität ist: Verstappen ist WM-Zweiter, Lawson blieb punktlos. Er steckte in der Verstappen-Falle. Der Niederländer lieferte, baute so den Druck auf, während Lawson mehr Zeit gebraucht hätte, um den Rhythmus im RB21 zu finden. Zeit, die man im Haifischbecken Formel 1 nicht hat, bei Red Bull Racing noch weniger.
Ist Tsunoda der Nächste in der Falle?
Marko meinte gar, Lawson, der sich zuvor durch starke Leistungen bei den Racing Bulls für diese Aufgabe empfohlen hatte, "war einfach angeschlagen, so ähnlich wie ein Boxer. Wenn der angeschlagen ist, nimmt man ihn auch aus dem Ring. Das war eine Abwärtsspirale, die wir unterbrechen mussten. Auch um Liams weitere Karriere zu ermöglichen." Denn er macht jetzt bei den Racing Bulls weiter.
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An seiner Stelle soll sich nun Tsunoda versuchen, und für ihn ist es eine grosse Chance. Der 24 Jahre alte Japaner fährt seit 2021 in der Formel 1, die ganze Zeit für das Red-Bull-Schwesterteam. Er kennt Marko, er kennt Horner, er kennt die Anforderungen und Herausforderungen. Und damit auch die Verstappen-Falle, die realistische Möglichkeit des Scheiterns. Kleiner Trost: Die Liste ist bereits lang, und sie ist eine illustre.
Verwendete Quellen
- youtube.com: Alex Albon on Max Verstappen’s Secret Technique
- yaysweepstakes.com: Jacques Villeneuve exclusive: former F1 World Champion names the key difference between Lewis Hamilton and Max Verstappen, what we can expect from Ferrari, and Aston Martin’s plan to dominate in place of Red Bull
- youtube.com: Nach Red-Bull-Tausch: Helmut Marko spricht KLARTEXT!