Indonesien ist die Nummer 127 der FIFA-Weltrangliste. Mit niederländischem Einfluss will der grösste Inselstaat der Welt jetzt aber durchstarten. Kurzfristig soll die WM-Qualifikation gelingen.

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Andreas Reiners sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfliessen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Erick Thohir fehlte etwas. Deshalb nahm er einschneidende Änderungen vor, denn der indonesische Fussball-Verband hat grosse Ziele. Die Teilnahme an der WM 2026 soll es sein, es wäre die erste als unabhängiges Land. Also präsentierte der Verbandsboss Anfang des Jahres erst Patrick Kluivert als neuen Nationaltrainer, und jüngst zudem Jordi Cruyff als technischen Berater. Thohir, seit 2023 im Amt, will es wissen. Er geht gewissermassen All-in.

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Denn Kluiverts Vorgänger Tae-Yong Shin war ja durchaus erfolgreich, er hatte das Team in die dritte Runde der asiatischen WM-Qualifikation und dort nach sechs von zehn Spielen auf Platz drei geführt. Ausserdem hat er WM-Erfolge vorzuweisen: Er war Nationaltrainer Südkoreas, als seine Mannschaft 2018 bei der WM Deutschland im letzten Gruppenspiel ins Aus und eine tiefe Fussball-Depression stürzte.

Doch Thohir wollte mehr Führungsqualitäten, wollte grosse Namen, mehr Charisma. Deshalb kamen Kluivert und Cruyff. Kluivert wird zudem von seinen niederländischen Landsleuten Alex Pastoor und Denny Landzaat unterstützt, die als Co-Trainer fungieren.

Cruyff will grosse Träume verwirklichen

"Wir verbessern nicht nur die Nationalmannschaft, die Liga und so weiter. Wir brauchen Einzelpersonen, die Teil unserer Bemühungen sein können, in Zukunft grosse Programme aufzubauen", sagte Thohir bei der Vorstellung.

Vor allem Cruyff hat in dieser Hinsicht wichtige Aufgaben, "er soll technische Unterstützung leisten und unsere Fussballphilosophie weiterentwickeln, unter anderem, indem er einen technischen Direktor für uns findet", sagte Thohir. "Das Talent ist bereits da, mit einer guten Struktur und der richtigen Unterstützung können wir unsere grossen Träume auf der Weltbühne verwirklichen", betonte wiederum Cruyff.

Schon etwas länger setzt Indonesien deshalb auf Niederländer mit indonesischen Wurzeln. Übrigens auf Initiative von Kluiverts Vorgänger, der sich dafür starkgemacht hatte, das Einbürgerungsprogramm voranzutreiben, um die Qualität der Mannschaft zu erhöhen. Dass Indonesien einst eine Kolonie der Niederlande war, macht das möglich.

Diese Spieler bilden den Kern des Kaders

Daher bilden nun indonesisch-stämmige Profis wie Maarten Paes (FC Dallas), Kevin Diks (FC Kopenhagen), Calvin Verdonk (Nijmegen), Thom Haye (Almere), Shayne Pattynama (KAS Eupen), Sandy Walsh (KV Mechelen), Mees Hilgers (Twente) oder Eliano Reijnders (PEC Zwolle) einen wichtigen Kern des Kaders. Sie alle sind nicht nur in den Niederlanden geboren, einige haben dort sogar die U-Teams durchlaufen.

Insgesamt waren bei den letzten Qualispielen im November 15 der 27 Spieler im Aufgebot eingebürgert. Bekannte Namen sind Reijnders, dessen Bruder Tijjani bei der AC Mailand spielt, und Diks, der ab Sommer bei Bundesligist Borussia Mönchengladbach unter Vertrag steht. Den höchsten Marktwert verzeichnet Hilgers mit fünf Millionen Euro.

Sportliche Lage verheissungsvoll

Die Ambitionen sind also gross. Doch wie hoch sind überhaupt die Chancen? Die Lage ist tatsächlich verheissungsvoll, denn Indonesien liegt als Dritter nur einen Punkt hinter Australien. Die ersten beiden Plätze - Japan ist als Erster bereits enteilt – bringen das Ticket zur WM 2026.

Klar ist: Das kommende Spiel in Australien (20. März) ist immens wichtig, anschliessend warten noch Bahrain (25. März), China (5. Juni) und Japan (10. Juni). Sollte es mit der direkten Quali nicht klappen, bringen die Plätze drei und vier weitere Chancen. Zunächst als Teilnehmer in einer von zwei Dreiergruppen, bei denen sich die jeweiligen Gruppensieger ebenfalls für die WM qualifizieren. Die beiden Gruppenzweiten erhalten in einem direkten Duell in Hin- und Rückspiel die Gelegenheit, den asiatischen Teilnehmer für das WM-Playoff-Turnier im März 2026 zu ermitteln.

Dazu muss man aber wissen: Die Gruppe C der asiatischen Quali mit Indonesien ist eine enge Angelegenheit: Japan führt mit 16 Punkten vor Australien (sieben Zähler). Dahinter haben Indonesien, Saudi-Arabien, Bahrain und China alle sechs Punkte, von Platz zwei bis Rang sechs unter sechs Mannschaften ist also alles drin. Kluivert verbreitete mit der Aura eines Ex-Weltklasse-Torjägers und 79-maligen Nationalspielers aber schon mal Mut und Entschlossenheit.

Kluivert weiss, dass er liefern muss

"Meine oberste Mission ist es, einen Startplatz bei der Weltmeisterschaft im nächsten Jahr zu sichern", erklärte er bei seiner Vorstellung. "Auf dem Weg dorthin will ich offensiven und mutigen Fussball mit viel Ballbesitz spielen lassen." Man wolle und müsse sofort Ergebnisse liefern, "und das mit der Unterstützung der leidenschaftlichsten Fans der Welt".

Leidenschaftliche Fans? In der Tat: In dem mit 280 Millionen Menschen grössten Inselstaat der Welt ist die Begeisterung für Fussball riesig, es ist gemeinsam mit Badminton der Nationalsport schlechthin. Die Nationalspieler sind so etwas wie Popstars, auch die eingebürgerten. Paes zum Beispiel steht inzwischen bei 2,3 Millionen Fans auf Instagram.

Fussballer wie Popstars

"Es war, als würde mir zum ersten Mal bewusst werden, wie gross das Ganze ist", sagt er nach seinem ersten Heimspiel vor 70.000 Fans der New York Times. "Man sieht es im Internet, man sieht die Zahlen und kann es sich nicht wirklich vorstellen. Wir konnten das Hotel nicht ohne Sicherheitspersonal verlassen. Es ist unwirklich, dass man plötzlich von so vielen Followern und so grossen Menschenmengen verehrt wird", sagte er.

Das gilt für alle. Justin Hubner ist 21 und spielt bei der U21 der Wolverhampton Wanderers - ihn kennen in Europa höchstens versierte England-Experten. In Indonesien kann er sein Hotel nicht verlassen, "weil dort Menschen auf mich warten und auf mich zulaufen. Überall, wo ich hingehe, ist es verrückt", sagte Hubner. "Wenn ich in ein Geschäft gehe und wieder herauskomme, warten dort vielleicht 100 Menschen. Ich bin ihr Idol, also warten sie auf mich, für Fotos und Autogramme." Er hat 3,3 Millionen Follower.

Hier soll Kluivert ansetzen und das zusammenbringen, was man Shin nicht zugetraut hat. Die Oranje-Ikone soll die Euphorie im Land nutzen, weiter anheizen, das quasi neu zusammengeführte Team formen und taktisch und spielerisch auf Kurs bringen. Sprachliche Barrieren wie bei seinem Vorgänger wird es kaum noch geben, und die Verantwortlichen erhoffen sich im Rahmen des Einbürgerungsprogramms zusätzliche Impulse durch Kluivert.

Sprich: Der 48-Jährige soll weitere verheissungsvolle Kicker mit indonesischen Wurzeln von den Vorzügen der indonesischen Nationalmannschaft überzeugen.

Nicht alles ist nur Euphorie

Es herrscht zwar Aufbruchstimmung, aber auch Skepsis. Zum einen, weil Kluivert einen grossen Namen hat, seine Erfolge als Trainer mit denen als Spieler aber noch nicht Schritt halten können.

Bislang war Kluivert ab 2010 unter anderem Chefcoach von Twente II, Co-Trainer der Niederlande, Nationalcoach von Curacao und Chefcoach von Adana Demirspor. Mit Twente II gewann er 2012 den Nachwuchstitel, mit den Niederlanden wurde er 2014 WM-Dritter, in der Türkei 2023 aber nach nicht einmal einem halben Jahr entlassen.

Zum anderen fragen sich nicht wenige Fans, ob eine Mannschaft, die zu einem Grossteil aus Spielern besteht, die im Ausland geboren und aufgewachsen sind, die seit 1945 unabhängige Nation repräsentieren kann.

Sie befürchten zudem, dass essenzielle Elemente des indonesischen Fussballs verloren gehen und heimische Talente übersehen werden könnten, da der niederländische Einfluss immer grösser wird. Es ist ein schmaler Grat zwischen Modernisierung und dem Bewahren der eigenen Identität.

Eine historische Chance

Allerdings ist vielen auch klar, dass die Chance historisch ist. Denn die einzige WM-Teilnahme gelang 1938 – damals noch als Niederländisch-Indien unter niederländischer Flagge.

Weitere nennenswerte Erfolge gelangen nach der Unabhängigkeit abgesehen von ein paar zweiten Plätzen bei den Südostasien-Meisterschaften nicht. Deshalb geht Thohir All-in. Ob sich das auszahlt, werden die kommenden Monate zeigen.

Verwendete Quellen