Geht es um Positiverlebnisse im Fussball der Frauen, ist der nett gemeinte Vergleich mit dem Männerfussball nicht weit. Doch damit sollte Schluss sein, denn die Frauen brauchen keine Vergleiche, sondern Eigenständigkeit.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Mara Pfeiffer dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Schon mal von der Formulierung "vergiftetes Kompliment" gehört? Gemeint sind vermeintlich positive Aussagen, die bei der belobhudelten Person ein eher ungutes Gefühl hinterlassen. Insofern passt die Bezeichnung auf etliche Feststellungen, die nach dem Pokalderby zwischen dem HSV und Werder Bremen zu lesen waren. Sinngemäss: Das war wie bei den Männern!

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Worum geht’s? Im Halbfinale des DFB-Pokals standen sich die Frauen des HSV und von Werder Bremen am Sonntag im Volksparkstadion gegenüber. Für den deutschen Vereinsfussball war es eine Rekordkulisse, das Stadion war beim Spiel zwischen der Zweitligistin aus Hamburg und der Erstligistin aus Bremen mit 57.000 Zuschauer*innen ausverkauft.

Über das "Aber" in der Begeisterung sprechen

Solche Zahlen tun gut und die Kulisse in Hamburg hat das Potenzial, das im Fussball der Frauen auch hierzulande steckt, auf begeisternde Art und Weise gezeigt. Und natürlich ist es toll, dass zu solchen Anlässen Menschen ins Stadion kommen, die nie zuvor ein Frauenspiel live gesehen haben. Es gibt dennoch ein Aber – und es ist wichtig, darüber zu sprechen.

Der Fussball der Frauen mit seinen Fans hat eine lange Geschichte. Menschen, die ihn jetzt für sich entdecken, mögen das nicht wissen und sie müssen nicht zwangsläufig Nachhilfe in dieser Geschichte nehmen. Aber sie sollten sich bewusstmachen, dass es sie gibt.

Die Fans im Fussball der Frauen mögen zwar zahlenmässig nicht an die in anderen Sportarten (m/w/d) rankommen, aber sie waren und sind da und verdienen Respekt, samt ihrer Tradition. Fans aus dem Fussball der Männer, die nun zu Frauenspielen kommen, sollten diesen Respekt zollen – und nicht davon ausgehen, ihre Traditionen hätten hier mehr Gewicht.

Werder-Frauen haben "Geschichte geschrieben"

Die Frauen von Werder Bremen stehen erstmals im Finale des DFB-Pokals. Während Larissa Mühlhaus für Lacher sorgt, sieht Teamkollegin und Doppelpackerin Sophie Weidauer vor allem die Bedeutung des Erfolgs. Beim HSV ist Christin Meyer trotz der Niederlage mit dem Einsatz zufrieden und sendet ein Dankeschön an die Fans, Lob gibt es von einer Klub-Ikone.

Vergleiche leisten einen Bärendienst

Wann werden Vergleiche unter den Tisch gekehrt? Wenn ein Fussballer einen Rekord aufstellt, den eine Fussballerin längst inne oder überflügelt hat. Dann ist es nicht so wichtig, beide Seiten der Fussballmedaille zu vergleichen, sondern dem Sportler wird ein Feuerwerk gezündet.

Wann ist es offenbar essenziell, Vergleiche zu ziehen? Wenn im Fussball der Frauen etwas wirklich Ausserordentliches passiert. Dann gibt’s kein Vorbeikommen an der Aussage, es sei ein Ereignis "wie bei den Männern" gewesen. Die Sache ist aber die, dass dem Frauenfussball diese Vergleiche nicht nur nicht helfen, sie leisten einen Bärendienst.

Um zu wachsen, müssen die Frauen vor allem eines: sich ihre Eigenständigkeit bewahren. Oder eher, was davon übrig ist, denn Wachstum und Entwicklung sieht schon länger vor allem so aus, dass Schablonen angelegt werden bei den Männern. Das kann aber nicht der Weg sein.