Frank Busemann wird am Mittwoch 50 Jahre alt. Im Interview spricht der frühere Zehnkämpfer unter anderem darüber, warum in der deutschen Gesellschaft ein Leistungsproblem besteht – und warum er Olympische Spiele in Deutschland nicht mehr erleben wird.
Frank Busemann hat im Laufe seiner Karriere immer wieder Grenzen verschoben und sich selbst gequält. Und damit auch seinen Vater, der beim Rücktritt des früheren Zehnkämpfers weinte. Es waren Freudentränen, denn die Erleichterung war gross, dass der Sohn endlich auf seinen Körper gehört hatte.
Zum 50. Geburtstag haben wir mit
Herr Busemann, welche Emotionen löst die Zahl 50 bei Ihnen aus?
Ich freue mich, dass ich gesund dieses Alter erreicht habe. Ein guter Freund von mir sagte: "50 ist richtig kacke." Ich sehe das anders. Mit dem Alter habe ich kein Problem. Es ist eher verwunderlich, wie sich die eigene Wahrnehmung verändert. Als ich 1996 in Atlanta an den Start ging, war mein Vater 49. Und für mich war er damals ein sehr alter Mann. Jetzt bin ich in seinem Alter und fühle mich überhaupt nicht so.
Als Sie 2003 Ihre Zehnkampf-Karriere beendet haben, beschrieben Sie sich in Ihrer Biografie als Wrack. Wie geht es Ihnen heute?
Bis vor zwei Jahren hätte ich gesagt: "Ich kenne niemanden in meinem Alter, der so fit ist wie ich." Aber dann kam letztes Jahr meine Rückenproblematik raus: Skoliose, Gleitwirbel und andere unschöne Dinge. Das hat mich schon während meiner Karriere beeinträchtigt. Ich muss daher etwas vorsichtiger sein. Früher bin ich einfach 30 Kilometer gelaufen. Heute geht das nicht mehr ganz so wie ich Bock habe. Aber trotzdem: Nach der Karriere hätte ich das nie für möglich gehalten, der Körper ist ein Wunderwerk.
"Wer nicht bekloppt ist, hat im Leistungssport nichts verloren. Die müssen alle einen Vogel haben."
Während Ihrer aktiven Zeit hatten Sie viele Verletzungen und Operationen. Wenn Sie zurückblicken: Waren Sie auch ein Stück weit bekloppt?
Definitiv, das muss man sein. Wer nicht bekloppt ist, hat im Leistungssport nichts verloren. Die müssen alle einen Vogel haben. Man muss permanent an seine Grenzen gehen, immer wieder in den roten Bereich. Es geht darum, den Punkt zu finden, an dem eine Verletzung droht – und dann rechtzeitig zurückzuziehen, denn meistens kommt die Verletzung erst, wenn man richtig im Arsch ist. Schmerzen sind im Leistungssport ein ständiger Begleiter. Es zwickt hier, es zwickt da – man muss lernen, damit umzugehen. Leistungssport ist halt nicht vernünftig.
Warum haben Sie sich so gequält?
Weil ich wusste, dass ich etwas Grosses erreichen kann. Aber mir war auch klar: Die Biologie ist unerbittlich, denn man kann die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Deshalb war mir immer bewusst: Alles, was ich zeigen und leisten will, muss genau jetzt passieren. Später geht das nicht mehr. Im Alter gibt es andere Prioritäten.
Sie waren so unerbittlich gegen sich selbst, dass bei Ihrem Rücktritt Ihr Vater vor Erleichterung geweint hat…
Ja, er hat gesagt: Das ist der glücklichste Tag meines Lebens. Er hatte Angst um mich. Er wusste, dass ich nur dann aufhöre, wenn ich meinen grossen Titel gewonnen habe. Das war immer mein Ziel: Nicht ohne Titel abtreten. Irgendwann musste ich aber einsehen: Mein Körper macht es einfach nicht mehr mit. Ich konnte mich auf den Kopf stellen – es blieb Wunschdenken. Und mein Vater wusste, zu welchen Extremen ich fähig war.
Haben Sie ein Beispiel, bei dem Sie sagen: Das war besonders bekloppt?
1999, fünf Minuten vor dem 100-Meter-Start, riss meine Faszie im Oberschenkel. Trotzdem lief ich 10,87 Sekunden. Bei genau 101 Metern fühlte es sich an, als stecke ein Messer im Bein. Aber während des Rennens war der Schmerz einfach weg. Es war eine Gabe, Schmerzen auszublenden und Grenzen zu überschreiten – aber auch Raubbau am Körper. Als ich dann endlich akzeptieren konnte: Bis hierhin und nicht weiter, war es eine Befreiung. Natürlich nicht ohne Zweifel oder Trauer, aber die ständigen Sorgen, die jede neue Verletzung mit sich brachte, fielen ab.
"Das letzte Dreivierteljahr meiner Karriere war ich das grösste Arschloch vor dem Herrn."
Wie hat Ihr Umfeld Ihr Karriereende erlebt?
Meine Freundin, die heutige Frau an meiner Seite, hat in dieser Zeit wahnsinnig viel mitgemacht. Ich sage immer: Die darf jetzt 40 Jahre schlechte Laune haben, ohne dass ich mich beschwere. Denn das letzte Dreivierteljahr meiner Karriere war ich das grösste Arschloch vor dem Herrn. Die Menschen, die ich am meisten geliebt habe, habe ich am meisten getreten. Und sie hat das alles klaglos ertragen – weil sie wusste: Wenn das vorbei ist, wird er wieder normal.
Wann haben Sie zuletzt Ihre Grenzen verschoben?
Das ist schon eine Weile her. Ich bin inzwischen leidenschaftlicher Läufer, aber 2021 hatte ich eine Erkenntnis, die mich gleichermassen schmunzeln liess und fertig machte. Ich habe Laufschuhe mit Carbon-Spikes ausprobiert. Ich lief volle 400 Meter – mit 46 Jahren, ohne spezielles Training. Früher hätte ich danach eine Stunde am Boden gelegen, komplett in der Säure. Diesmal? Zehn Minuten später sass ich wieder im Auto. Und da wurde mir klar: Ich kann nicht mehr in diesen roten Bereich gehen. Früher konnte ich mich völlig abschiessen, um Bestleistungen zu erzielen. Heute schützt sich mein Körper selbst – wahrscheinlich, weil ich jetzt drei Kinder zu versorgen habe.
Sie haben mal gesagt, es könne geil sein, sich zu quälen. Was genau ist daran geil?
Es ist dieser Moment, wenn man sich fragt: Mache ich das jetzt – oder lasse ich es? Ich weiss genau, dass es mir gleich richtig dreckig gehen wird. Aber ich entscheide mich trotzdem dafür. In der Situation selbst ist es brutal. Man erreicht das Ziel, fühlt sich elend und schwört sich: Das tue ich mir nie wieder an! Danach kommt dieser Gedanke: Boah, geile Zeit! Dann will man es doch wieder probieren, vielleicht sogar noch schneller. Es geht darum, eine Herausforderung anzunehmen, durchzuziehen und stark zu sein, alles reinzulegen – dieses Gefühl nutzt sich nie ab.
Busemann: Fleiss schlägt am Ende Talent
Ist dieses Mindset die wichtigste Grundlage für den Erfolg?
Eine von vielen. Talent spielt eine Rolle, aber ohne Fleiss bringt es nichts. Ich habe erst gestern mit meinem ältesten Sohn darüber diskutiert: Talent hilft natürlich enorm. Aber Fleiss schlägt am Ende Talent.
Haben Sie den Eindruck, dass sich heute weniger Menschen quälen wollen – im Leistungssport und in der Gesellschaft?
Gesellschaftlich sehe ich ein Problem in der Leistungskultur. Wenn dem nicht so wäre, dann würden wir ganz anders dastehen. Dann würden wir das Erbe unserer Eltern und Grosseltern weiter aufbauen und nicht versuchen, gleichwertig zu verteilen. Heute höre ich oft: Ja, aber was habe ich davon? Meine Antwort ist immer: Mach doch erstmal! Leistet doch erst, dann seht ihr, was ihr davon habt. Leistung ist etwas Geiles. Nicht, weil sie sofort eine Belohnung bringt, sondern weil sie langfristig wirkt.
Warum ist der Stellenwert von Leistung so gesunken?
Ich will nicht sagen, dass alles zu leicht geworden ist, aber wir müssen heute nicht mehr ums Überleben kämpfen. Das verändert die Mentalität. Man schaut oft nach Amerika und fragt sich: Warum sind die im Sport so viel besser? Natürlich ist es nicht erstrebenswert, dass Menschen dort oft mehrere Jobs zum Überleben brauchen. Aber vom Tellerwäscher zum Millionär – da steckt viel Wahres drin. Wer etwas erreichen will, muss durch den Schmerz. Aber genau das ist nicht sexy. Der einfachere Weg ist immer verlockender. Und wenn Leistung beliebig wird, gibt es keinen Anreiz, sich anzustrengen.
Ist das der Grund, warum wir nach Grossereignissen wie Olympia mit jedem Mal eine negativere Bilanz ziehen? Oder was spielt da noch rein?
Die Frage ist: Warum finden wir nicht mehr die Athleten, die bereit sind, durch die Hölle zu gehen und die wir auf ihrem Weg begleiten können? Wir können uns nicht einfach hinstellen, ein paar Schräubchen drehen und denken, dass plötzlich alles wieder läuft. Das Problem ist viel grösser. Es braucht ein Umdenken, damit Leistung wieder Anerkennung bekommt. Oft wird Sport nur als Hobby gesehen – solange es Medaillen gibt, freut sich jeder. Bleiben sie aus, fragt keiner nach den Gründen. Ein gutes Beispiel ist der Beruf des Trainers. In den USA ist ein Headcoach eine Respektsperson. In Deutschland hört man oft: Ach, du bist Trainer? Und was machst du beruflich? Das zeigt doch, dass Sport oft nicht ernst genug genommen wird.
Ist die Sportförderung auch ein Problem?
Definitiv, sie gehört auch dazu.
Und wie sollte man das lösen?
Wenn ich die Antwort hätte, würde ich sie laut verkünden. Aber es gibt kein Allheilmittel. Schauen wir uns die besten deutschen Zehnkämpfer an: Leo Neugebauer wurde in den USA geformt, Niklas Kaul von seinen Eltern. Beides hat mit dem deutschen Sportsystem kaum etwas zu tun. In Ländern, die Olympische Spiele ausrichten, sieht man oft, dass sieben Jahre gezielt gefördert wird – mit Nachhaltigkeit. Bei uns hingegen: Wenn die Leistung mal ein Jahr nachlässt, wird die Förderung gestrichen.
"Ich werde Olympia in Deutschland nicht mehr erleben."
Brauchen wir also Olympia, damit sich etwas ändert?
Ja, wir brauchen Olympia – aber wir bekommen es nicht. Weil in einer Demokratie die Leute, die dagegen sind, immer lauter schreien als die Leute, die dafür sind. Frankreich hat gezeigt, dass es geht, aber in Deutschland sehe ich das nicht. Hier zählen oft Befindlichkeiten mehr als die Chancen, die ein solches Event mit sich bringt. Ich werde Olympia in Deutschland nicht mehr erleben.
Warum so pessimistisch?
Weil wir uns oft selbst im Weg stehen. Bedenkenträger bekommen mehr Gehör als Macher. Jede Idee wird sofort zerredet. Und wenn es irgendwo Gegenwind gibt, verschwinden 20 gute Ansätze. Doch wir müssen uns fragen: Bringt es am Ende mehr Vor- als Nachteile? Am Ende wird nur gefragt: Was haben wir davon? Wenn wir zwei Milliarden investieren, aber dafür "fünf Milliarden Spass" bekommen, dann lohnt sich das. Vielleicht holen wir damit Leute von der Strasse. Vielleicht bringt es endlich wieder mehr Kinder zum Sport.
Dann sagen Sie dem potenziellen Sport-Nachwuchs doch mal: Hat sich die ganze Quälerei gelohnt? Was hat Ihnen der Sport gegeben?
Das war der Hammer. Ich profitiere mein ganzes Leben davon. Nicht nur, weil ich beruflich von diesen zwei Tagen in Atlanta lebe – wir würden ja nicht reden, wenn ich damals nicht Silber gewonnen hätte. Aber auch im Alltag merke ich es. Der Sport lehrt einen, durchzuziehen. Ein Ziel zu haben, sich bestmöglich vorzubereiten, dafür zu brennen – genau das macht Leistungssport aus.
Wie geben Sie das an Ihre Kinder weiter, die 16, zwölf und zehn sind?
Meine beiden Grossen spielen Handball, und die Jüngste probiert sich noch aus. Momentan ist sie in der Leichtathletik. Neulich waren wir in der Halle, und jemand meinte: "Oh, bringst du Talent vorbei?" Das fand sie unangenehm. Deshalb bin ich eigentlich froh, dass meine Jungs gar keine Leichtathletik machen – sie würden ständig verglichen werden, und das wäre nicht unbedingt zu ihrem Vorteil.
Eigene Kinder im Leistungssport? Das sagt Busemann
Wie ist das mit Quälen, Vorbild sein und Vorgaben machen?
Ich mache keine Vorgaben, aber irgendwie scheint die Begeisterung für den Sport von selbst übergegangen zu sein. Ich halte mich da bewusst raus, weil ich nicht möchte, dass jemand denkt, ich pushe meine Kinder.
Sie würden Ihre Kinder also nicht aktiv in den Leistungssport drängen?
Ganz sicher nicht. Sie sollen selbst entscheiden, was sie wollen. Ich kann sie unterstützen, beraten, für sie da sein – aber niemals würde ich sagen: "Du musst jetzt in den Leistungssport." Mir ist nur eines wichtig: Sie sollen Freude an dem haben, was sie tun. Ob Bundesliga oder Kreisklasse – das ist mir egal. Hauptsache, sie gehen gerne zum Training. Der Grosse hatte gerade innerhalb von drei Monaten seinen zweiten Bänderriss. Aber anstatt zu jammern, macht er Alternativtraining, damit er fit zurückkommt. Das finde ich beeindruckend. Das ist eine Mentalität, die mich begeistert und die ich gerne mit auf den Weg gebe.
Haben Sie etwas für Ihren Geburtstag geplant?
Gar nicht. Ich arbeite sogar gerne an meinem Geburtstag – aber diesmal hat mich niemand gebucht. Also werde ich um sechs Uhr aufstehen, den Kindern Frühstück machen, Butterbrote schmieren und vielleicht joggen gehen. Danach sehen wir weiter.
Über den Gesprächspartner
- Frank Busemann hat als Zehnkämpfer 1996 in Atlanta Silber geholt, ein Jahr später bei der WM in Athen Bronze. Im Sommer 2003 trat er zurück. Heute ist er unter anderem als TV-Experte für die ARD tätig, aber auch als Redner.
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