In der neuesten Folge "Germany’s Next Topmodel" müssen die Models als Marionetten über den Catwalk laufen. Warum? Vermutlich, weil Heidi Klum in dieser Folge nicht ganz auf der Höhe scheint. Zumindest leistet sie sich Unkonzentriertheiten als Jurorin. Gut also, dass sie einen kompetenten Gast an ihrer Seite hat.

Christian Vock
Eine Kritik
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Heidi Klum beginnt die neue Ausgabe von "Germany’s Next Topmodel" mit einer ganzen Menge an Ankündigungen. "Diese Woche wird spektakulär", verspricht die Klum zum Beispiel, doch anders als sonst, hat sie mit dieser Ankündigung diesmal recht. Es wird in der Tat spektakulär, aber das muss ja nicht immer etwas Gutes bedeuten. Versuchen wir es also sicherheitshalber mit Klums zweiter Ankündigung.

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Hier verspricht die Model-Dompteurin einen Gast, "den es bei 'Germany's Next Topmodel' noch nie gab". Wer mag das bloss sein? Bibi und Tina? Auf Amadeus und Sabrina? Frische Luft? Oder vielleicht gute Fernsehunterhaltung? Wir wissen es nicht, wir können maximal Klums Familie ausschliessen. Die gab es schon mehrfach bei "Germany's Next Topmodel". Aber da Heidi Klum keine Geheimnisse bewahren kann, sondern immer schon im Intro ausplaudert, machen wir es kurz: Es ist Adriana Lima. Aber beginnen wir erst einmal beim Spektakulären.

Wie können wir Heidi Klum helfen?

"Meine Models werden zu Puppen, die eine Geschichte erzählen sollen", hatte Klum ebenfalls im Intro verraten, sodass auch hier schon wieder die Luft raus ist. Aber weil die Models im Model-Penthouse das Intro ja noch nicht sehen konnten, erklärt die Klum es ihnen noch einmal in einer gesonderten Botschaft: "Ihr werdet in die Rolle von Marionetten schlüpfen." Ein männliches und ein weibliches Model sollen dabei als Marionetten verkleidet an Seilen über einen Laufsteg zappeln.

So zumindest die Theorie. Dass die einen kleinen Haken hat, dem widmen wir uns gleich, kümmern wir uns erst einmal um einen anderen Denkfehler. "Für mich ist es wichtig, dass meine Models jede Woche 100 Prozent geben", fordert Klum und das wirft Fragen auf. Zum Beispiel die nach dem Warum. Warum ist Klum das so wichtig? Fühlt sie sich sonst nicht ernst genommen? Was könnte man tun, um ihr das Gefühl zu geben, akzeptiert zu sein, so wie sie ist – ohne, dass andere sich dafür total verausgaben müssen?

Und braucht Klum wirklich 100 Prozent? Oder sagt sie das nur, um später behaupten zu können, jemand habe nur 92 Prozent gegeben? Wie misst man Modeln überhaupt? Und sind Klums Models eigentlich geeicht? Gerade bei so einem hohen Preisgeld will man Messfehler sicher ausschliessen, GNTM ist nicht irgendeine unseriöse Quatsch-Show.

Und was, wenn jemand nur 86,7 Prozent gegeben hat, aber dennoch der Beste war? So was passiert ständig. Man denke nur an all die guten Pferde aus dem Sprichwort, die nur so hoch springen, wie sie müssen. Pferde sind kluge Tiere. Hat Klum das auf dem Schirm?

Marionetten machen müde Models munter

GNTM
Die beiden GNTM-Kandidaten Keanu (l.) und Aaliyah hängen bei GNTM in den Seilen. © ProSieben/Max Montgomery

Aber Klums Prozentvorgabe ist nicht die einzige intellektuelle Sollbruchstelle dieser Folge und damit wären wir wieder beim spektakulären Marionetten-Walk und der Frage, ob Klum das Konzept Marionette wirklich verstanden hat. In der Praxis sieht es nämlich so aus, dass die Models wie Puppen geschminkt werden und so über einen Laufsteg laufen. An Händen und Füssen sind Seile befestigt, die von Profis im Gebälk des Laufstegs bewegt werden. "Wie bei echten Marionetten", erklärt Klum.

Trotzdem kündet sie an: "Endlich ist es so weit. Meine Models werden zu Puppen, die eine Geschichte erzählen sollen." Nun will hier niemand kniefieselig werden, aber genau genommen erzählen nicht die Puppen eine Geschichte, sondern die Puppenspieler. Dementsprechend sollten sich die Herren mit den Seilen nicht wundern, sollte die Klum plötzlich mit einem Foto vor ihnen stehen und sie in die nächste Runde schicken.

Aber dieser Logik-Knick ist für Klum kein Hinderungsgrund, also müssen die Models über den Laufsteg stapfen und tun, als seien sie Marionetten. Das machen sie aber natürlich nicht mit einem Seppl-Hut, wie bei Marionetten üblich, sondern in Designerklamotten, denn, so verrät Klum: "Die Modewelt schläft nie und die Designer lassen sich ständig etwas Neues einfallen." Das erklärt, warum die Modewelt immer so müde aussieht. Kein Wunder, wenn sie nie schläft. Dabei ist Schlaf so wichtig.

Lima, übernehmen Sie!

Den Anfang im "Puppet-Walk" machen Zoe und Samuel. Die beiden haben sich eine "Toxische Liebesgeschichte" ausgedacht und versuchen diese nun auf den Laufsteg zu bringen – mit durchwachsenem Erfolg. "Also ich kann jetzt nicht erkennen, was die Geschichte sein soll", kritisiert Klum. Adriana Lima hingegen sagt sofort: "Definitiv eine Liebesgeschichte." Hm. Wenn Klum so Schwierigkeiten in der Jury hat, vielleicht sollte lieber die Frau Lima übernehmen.

Dann hiesse die Show zwar nicht mehr "Germany's Next Topmodel by Heidi Klum", sondern "Germany's Next Topmodel by Adriana Lima, früher mal by Heidi Klum, aber wir haben festgestellt, dass die Klum in der Jury nicht immer 100 Prozent gibt. Beim Geschichten-Erkennen war sie jedenfalls nicht gut, da haben andere Models sie inzwischen überholt". Und Klum zeigt auch an anderer Stelle Schwächen.

Zum Beispiel, als die Models Magdalena und Eliob bei ihrem Walk von einem grimmigen zu einem fröhlichen Gesichtsausdruck wechseln. "Dass mal ein anderer Gesichtsausdruck kommt, das finde ich gut", freut sich Klum und da ist man sich nicht sicher, ob Klum weiss, dass Marionetten für vieles berühmt sind, aber nicht unbedingt für ihre facettenreiche Mimik. Die wirkt oft eher so, als seien die Köpfe aus Holz geschnitzt. Ist einfach so ein Marionetten-Ding, muss man akzeptieren.

Heidi Klum zeigt Haut und Härte

Doch Klum macht ihre Schwächen in der Beurteilung mit Härte wett: "Ich hab meine Samthandschuhe ausgezogen", verkündet Klum den Models, übersieht dabei aber, dass Handschuhe ja ihren Sinn haben. Vor allem für ihren Träger. Zum Beispiel, um sich zu schützen. Klum schneidet sich also mit dem Ausziehen der Samthandschuhe ins eigene Fleisch, kommuniziert es aber wie eine Drohung.

Die ist aber leer, denn was soll den Kandidatinnen denn passieren? Dass Klums Entscheidung aus dem Bauch heraus fällt und ohne richtige Begründung? Dass zur Strafe nur eine einzige die Show gewinnt? Klums Drohpotenzial ist also denkbar dünn, trotzdem gibt es Opfer der Samthandschuhauszieherei zu beklagen. Annett, von Beruf nun Ex-Model, darf nicht mehr mitspielen und auch Keanu trifft Klums harte Hand.